Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Sieben Bände in einem eBook

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Sieben Bände in einem eBook

 

 

 

von: Marcel Proust

Suhrkamp, 2010

ISBN: 9783518742600

Sprache: Deutsch

5283 Seiten, Download: 5293 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Sieben Bände in einem eBook



II




Combray, von ferne gesehen, aus einem Umkreis von zehn Meilen, von der Eisenbahn aus, wenn wir in der letzten Woche vor Ostern dort ankamen, war nur eine Kirche, die die Stadt zusammenfaßte, die sie vertrat, die zu der Ferne von ihr und für sie sprach und die, wenn man näherkam, um ihren hohen, düsteren Kragenmantel herum mitten im Feld gegen den Wind wie eine Hirtin ihre Schafe die wolligen, grauen Rücken der zusammengescharten Häuser dicht beieinanderhielt, die ein Rest der Stadtmauer aus dem Mittelalter hier und da mit einer ebenso vollkommen kreisrunden Linie umgab wie auf einem spätgotischen Bild. Zum Bewohnen war Combray etwas trübselig, wie auch seine Straßen mit den aus dem schwärzlichen Stein der Gegend gebauten Häusern, zu deren Eingang äußere Stufen führten und deren Giebel vor ihnen so viel Schatten verbreiteten, daß man, sobald der Tag sich neigte, gezwungen war, in den zur Straße gehenden Räumen die Stores hochzuziehen; es waren Straßen mit ernsten Heiligennamen (von denen manch einer mit der Geschichte der ersten Herren von Combray zusammenhing): Rue Saint-Hilaire, Rue Saint-Jacques, in der sich das Haus meiner Tante befand, Rue Sainte-Hildegarde, auf die das Gartentor ging, Rue du Saint-Esprit, auf die sich die kleine Seitenpforte ihres Gartens öffnete; und diese Straßen von Combray fristen ihr Dasein in einem so entlegenen Teil meines Gedächtnisses, der mit so anderen Farben getönt ist, als sie heute die Welt für mich trägt, daß sie mir in Wahrheit alle samt der Kirche, die den Platz beherrschte, noch unwirklicher erscheinen als die Projektionen der Laterna magica; und es kommt mir in manchen Augenblicken so vor, als ob die Möglichkeit, noch einmal die Rue Saint-Hilaire zu überschreiten oder ein Zimmer in der Rue de l’Oiseau zu mieten – in der alten Herberge zum »Oiseau Flesché«, aus deren Kellerfenstern ein Küchengeruch aufstieg, der noch manchmal genauso intermittierend und genauso warm in meiner Erinnerung wiederkehrt – eine weit wunderbarere Kontaktnahme mit einer anderen Welt bedeuten würde als etwa die persönliche Bekanntschaft mit Golo oder eine Unterhaltung mit Genoveva von Brabant.

Die Kusine meines Großvaters – meine Großtante –, bei der wir wohnten, war die Mutter jener Tante Léonie1 , die seit dem Tod ihres Gatten, meines Onkels Octave, zunächst Combray, dann ihr Haus in Combray, dann ihr Zimmer, dann ihr Bett nicht mehr verlassen wollte; sie begab sich nicht mehr »nach unten«, sondern lag einfach in einem zwischen Kummer, physischer Hinfälligkeit, Krankheit, Wahnvorstellungen und Frömmigkeit schwankenden Zustand da. Ihre Privaträume gingen auf die Rue Saint-Jacques, die viel weiter draußen beim »Grand-Pré« (im Gegensatz zum »Petit-Pré«, einer Wiese, die mitten in der Stadt zwischen drei Straßen grünte) endete und die, grau und vollkommen einförmig mit drei hohen Sandsteinstufen vor fast jeder Tür, aussah wie eine Steinschlucht, als ob dort ein gotischer Bildhauer eine Krippe oder eine Kreuzigungsgruppe direkt aus dem Fels herausgemeißelt hätte. Meine Tante bewohnte strenggenommen nur noch zwei zusammenhängende Zimmer: am Nachmittag blieb sie in dem einen, während das andere gelüftet wurde. Es waren solche typisch ländliche Stuben, die – so wie in gewissen Ländern Myriaden von Protozoen, die wir nicht wahrnehmen, ganze Teile der Luft oder des Meeres mit ihrem Schimmer oder ihrem Duft erfüllen2 – uns mit ihren tausend Düften bezaubern, die dort Tugenden, Weisheit, Gewohnheiten, kurz ein ganzes innerliches Leben verbreiten, ein Leben, das geheim, unsichtbar und überreich dort in der Atmosphäre schwebt; natürliche Düfte noch, gewiß, von Zeit und Wetter gefärbt wie jene der nahen Felder und Wälder, doch schon häuslich geworden, menschlich und eingeschlossen, ein umsichtiges und durchscheinendes köstliches Gelee aus allen Früchten des Jahres, die vom Obstgarten in den Schrank gewechselt haben; gezeichnet noch vom Wechsel der Jahreszeiten und doch dem Hausrat und Haushalt eingeordnet, den eisigen Stich des Rauhreifs durch die Süße warmen Brotes mildernd, müßig und pünktlich, umherschlendernd und wohlversorgt, sorglos und vorbedacht, erinnernd an Wäsche, Frühaufstehen, Frömmigkeit, erfüllt von einer zufriedenen Ruhe, die einen nur um so beklommener werden läßt, und von einer prosaischen Alltäglichkeit, die für denjenigen, der sie für kurze Zeit betritt, ohne darin gelebt zu haben, einen unerschöpflichen Vorrat an Poesie darstellt. Die Luft ist dort von einer so nahrhaften, so schmackhaften, allerfeinsten Stille gesättigt, daß ich mich darin immer nur mit einer Art Eßlust bewegte, besonders zu Beginn, in jenen noch kühlen Morgenstunden der Karwoche, wo sie mir besonderen Genuß bereitete, da ich ja eben erst in Combray angekommen war. Bevor ich zu meiner Tante durfte, um ihr einen guten Morgen zu wünschen, mußte ich einen Augenblick im ersten Raum warten, in dem die noch winterliche Sonne sich an die Wärme vor das Feuer gelegt hatte, das zwischen den beiden Schamottsteinen schon brannte und das ganze Zimmer mit einem Geruch nach Ruß übertünchte; es machte daraus gleichsam einen jener großen, auf dem Land anzutreffenden Backofenvorräume oder einen jener in Schlössern häufigen Kaminvorbauten, unter deren Schutz man sich wünscht, es möchte draußen ein Gewitter, ein Schneesturm oder sogar eine sintflutartige Katastrophe losbrechen, damit die Behaglichkeit des Geborgenseins durch die Poesie der Winterzeit gesteigert würde; ich ging ein wenig hin und her zwischen dem Betschemel und den mit gepreßtem Velours bezogenen Sesseln, auf deren Kopfteil stets ein gehäkeltes Deckchen lag; und während das Feuer die krümelig den Raum füllenden, leckeren Gerüche, die von der feuchten, sonneglänzenden Frische des Morgens schon durchgeknetet und zum »aufgehen« gebracht worden waren, wie einen Teig buk, ließ es sie blättrig, goldgelb und bauschig werden, ließ sie anschwellen zu einem unsichtbaren und doch faßbaren ländlichen Backwerk, einer riesigen »Dampfnudel«, in der ich mich immer wieder, sobald ich die knusprigeren, feineren, geschätzteren, doch auch trockeneren Aromen des Schranks, der Kommode und der Rankenwerktapete gekostet hatte, mit uneingestandener Gier von dem unbestimmbaren, klebrigen, faden und unbekömmlichen Fruchtduft der geblümten Bettdecke gefangennehmen ließ.

Im Nebenzimmer hörte ich meine Tante halblaut mit sich selber reden. Sie sprach immer nur gedämpft, denn sie glaubte, in ihrem Kopf etwas Zerbrochenes und Gelockertes zu verschieben, wenn sie die Stimme zu sehr erhob; doch selbst wenn sie allein war, hielt sie es nie lange ohne zu reden aus, denn sie glaubte, es sei gut für ihren Hals und werde, indem es das Stocken des Blutes dort verhindere, die Erstickungsanfälle und Angstzustände, an denen sie litt, seltener auftreten lassen. Außerdem maß sie infolge der absoluten Tatenlosigkeit, in der sie ihre Tage verbrachte, noch ihren geringsten Empfindungen eine ungeheure Bedeutung bei; sie verlieh ihnen ein Bewegungsvermögen, das es ihr schwermachte, sie ganz für sich zu behalten, und da sie niemanden hatte, dem sie es hätte anvertrauen können, gab sie sich selbst davon Kunde, in einem ständigen Monolog, der ihre einzige Form der Betätigung war. Unglücklicherweise gab sie, nachdem sie die Gewohnheit des lauten Denkens angenommen hatte, nicht immer darauf acht, ob sich auch niemand im Nebenzimmer befand, und so hörte ich sie oft zu sich selber sagen: »Ich muß unbedingt daran denken, daß ich nicht geschlafen habe« (denn niemals zu schlafen war ihr großer Ehrgeiz, und wir nahmen in unserer Umgangssprache weitgehend darauf Rücksicht: am Morgen ging Françoise sie nicht etwa »wecken«, sondern sie »ging zu ihr hinein«; wenn meine Tante im Laufe des Tages ein Schläfchen machen wollte, so hieß es, sie wolle »nachdenken« oder »ruhen«; und wenn sie sich einmal so weit vergaß zu sagen: »was mich dann aufgeweckt hat« oder »ich träumte, ich …«, so errötete sie und korrigierte sich auf der Stelle).

Unmittelbar darauf trat ich ein und gab ihr einen Morgenkuß; Françoise goß den Tee auf; oder wenn meine Tante sich nervös erregt fühlte, wünschte sie statt dessen einen Lindenblütentee, und dann fiel mir die Aufgabe zu, aus dem Apothekerbeutel so viel Blüten auf einen Teller zu schütten, wie man gleich darauf in das kochende Wasser geben mußte. Durch das Trocknen hatten sich die Stengel zu einem eigentümlichen Gitterwerk zusammengerollt, in dessen Geflecht sich die blassen Blüten öffneten, als habe ein Maler sie angeordnet, sie auf die dekorativste Weise Modell sitzen lassen, wie es ihm am reizvollsten schien. Die Vorblätter hatten ihr eigentliches Aussehen verloren oder verändert, sie glichen jetzt den verschiedensten Dingen, einem durchsichtigen Insektenflügel, der weißen Rückseite eines Etiketts, einem Rosenblatt, alle waren jedoch zusammengeballt, gepreßt oder verflochten wie beim Bau eines Nestes. In tausend kleinen überflüssigen Einzelheiten – sie stellten eine reizvolle Verschwendung von seiten des Apothekers dar –, die bei einer künstlichen Herstellung ausgeblieben wären, erkannte ich, wie wenn man in einem Buch verblüfft auf den Namen eines persönlichen Bekannten stößt, mit Vergnügen, daß es tatsächlich Stengel von wirklichen Lindenblüten waren, genau wie die an den Bäumen der Avenue de la Gare, freilich verändert gerade deshalb, weil sie keine Nachahmungen waren, sondern sie selbst, nur älter geworden. Und da jedes neue Merkmal daran nur die Metamorphose eines alten Merkmals war, erkannte ich in den kleinen grauen Kügelchen die grünen Knospen wieder, die nicht...

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