Jeden Tag aufs Neue glücklich - Für Träume ist man nie zu alt

Jeden Tag aufs Neue glücklich - Für Träume ist man nie zu alt

von: Anna von Rüden

Merian / Holiday, ein Imprint von GRÄFE UND UNZER Verlag, 2018

ISBN: 9783833867675

Sprache: Deutsch

192 Seiten, Download: 4144 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Jeden Tag aufs Neue glücklich - Für Träume ist man nie zu alt



Foto aus der ersten erfolgreichen – aber kurzen – Model-Karriere

Immer spaßig: unterwegs mit zwei der elf Enkelkindern

I. Anfangen


Paradies unter qualmenden Schloten


Ein wuchtiger, schwarzer Hut mit einem zarten Tüllschleier auf meinem kleinen Kopf. Dieses Bild ist für mich das wohl eindrucksvollste meiner Kindheit. Vielleicht weil es am besten für all das steht, was ich schon als kleines Mädchen war und bis heute bin: mutig, entschlossen, dickköpfig und immer auch ein wenig gegen den Strom schwimmend. Diese Eigenschaften haben mir geholfen, relativ unbeschadet durchs Leben zu gehen. Wieder aufzustehen, selbst wenn der Sturz mal ein bisschen heftiger war. Und auch in Krisen über etwas zu verfügen, was mich auffängt und trägt.

Es war Allerheiligen, und wir wollten mit der ganzen Familie zum Grab meiner Urgroßeltern gehen. Ich war sechs, liebte diesen schönen, aber riesigen, schwarzen Hut mit Tüllschleier, der meiner Großmutter gehörte, und ich bestand darauf, ihn auf dem Weg zum Friedhof zu tragen. Meine Großmutter war einverstanden, mein Großvater fand das furchtbar albern und schämte sich vermutlich ein bisschen für meinen seltsamen Auftritt bei dem Weg durch den ganzen Ort. Ich bekam meinen Willen, lief mit meinem viel zu großen Hut auf dem Kopf vor der Gruppe her – und war unendlich stolz. Weil ich mich durchgesetzt hatte und mich trotz meines jungen Alters geachtet und ernst genommen fühlte. Zwei Stunden später waren wir wieder zu Hause, es gab Kaffee, Kakao und selbst gebackenen Apfelkuchen. Ich saß bei meinem Großvater auf dem Schoß, durfte ihn mit Kuchen füttern und war selig. Da war kein Groll zu spüren, er trug mir meinen seltsamen Auftritt nicht nach. Durch sein Verhalten signalisierte er mir: Ich werde angenommen und geliebt. So, wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten.

Meine Kindheit habe ich im tiefsten Ruhrpott verbracht, in Bottrop. Dort lebte ich in meinen ersten Lebensjahren gemeinsam mit meinen Eltern bei meinen Großeltern. Überhaupt, meine Großeltern, für mich war das Leben dort wirklich das Paradies auf Erden …

Die beiden wohnten in einem wunderschönen Haus aus den 1930er-Jahren mit einem riesengroßen Garten am Stadtrand von Bottrop. Das Haus war nicht groß, aber urgemütlich. Im ersten Stock gab es zwei Zimmer. In dem einen stand eine Kommode mit einem Waschtisch aus Marmor. Darauf lagen ab Herbst immer Äpfel zum Überwintern. Ich erinnere mich noch genau, dass das ganze Haus vom Duft dieser aromatischen Äpfel erfüllt war. Man roch es sofort, wenn man unten zur Tür hereinkam. Im Schlafzimmer meiner Großeltern stand ein herrliches, großes, schwarzes Eichenbett, dazu gab es einen passenden Eichenschrank mit einem ovalen Spiegel, umrankt von geschnitzten Rosen. Ich konnte stundenlang vor diesem Spiegel stehen und die verschiedenen Hüte meiner Großmutter Anna aufprobieren. Das Schönste aber war für mich die wunderbare Bettwäsche, auf die meine Großmutter allergrößten Wert legte. Sie war im Sommer aus Leinen und im Winter aus Damast, stets gebügelt, und hatte schöne Volants, an denen ich als kleines Mädchen gern mit meinen Fingern herumknibbelte. Die Bettwäsche duftete immer zart nach Lavendelseife, die meine Großmutter zwischen die einzelnen Teile im Schrank gelegt hatte.

Meine Großeltern waren übrigens ein Herz und eine Seele. Großvater Wilhelm trug seine Anna auf Händen, dennoch waren sie miteinander auf Augenhöhe. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit, und meine Großmutter hatte sich schon sehr früh in meinen Großvater verliebt. Sie hatte ihn mit zwölf auf dem Schulhof gesehen und sofort gewusst: Diesen Mann werde ich heiraten. Ein paar Jahre später, mit 16, versuchte er dann auszubüxen und wollte mit dem Schiff nach Amerika fahren. Sie holte ihn damals buchstäblich von diesem Schiff herunter – und seitdem waren sie zeit ihres Lebens zusammen. Beide gingen sehr liebevoll miteinander um, waren sich aber auch ebenbürtig – das unterschied sie für mich wohltuend von der nicht immer ganz einfachen Beziehung meiner Eltern.

Ein eigenes Zimmer hatte ich bei meinen Großeltern nicht, ich brauchte auch gar keines. Denn schlafen konnte ich am allerbesten zwischen den beiden. Dort fühlte ich mich gut geborgen. Meine Großmutter war rund und gemütlich, sie wirkte auf mich immer wie eine heiße Teekanne, die ganz viel Wärme spendet. Noch dazu hatte sie immer warme Füße, was bei Frauen eher selten vorkommt. Das war ein wahrer Segen, denn das Schlafzimmer ließ sich nicht heizen, und im Winter blühten oftmals Eisblumen an den Fensterscheiben. Wenn ich manchmal zitternd vor Kälte ins Bett geschlüpft kam und meine kalten Füße für ein paar Minuten an denen meiner Großmutter wärmte, war das wie am Bollerofen.

 

Wir schrieben die 1950er-Jahre, die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Im Ruhrgebiet rauchten die Schlote, in Metropolen wie Essen waren die Schaufenster wieder voll und die Arbeitslosigkeit nahm mit jedem Jahr ab. Trotz des Aufschwungs war unsere Region grau. Grau der Himmel, grau die Hausfassaden und grau die Gesichter der Menschen, die wie mit einer feinen Ascheschicht überzogen wirkten. Wie viele unserer Nachbarn lebten auch wir in eher bescheidenen Verhältnissen. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass die Menschen unzufrieden waren mit dem wenigen, das sie besaßen. Ich erinnere mich eher an ein Gefühl der Lebenslust, die Hilfsbereitschaft und den Neubeginn. Vermutlich war diese kontrastreiche Zeit für Menschen, die die Welt in Trümmern gesehen hatten, schlichtweg das Paradies. Vor Kurzem blätterte ich in einem Bildband aus den 1950er- und 1960er-Jahren und konnte mich gleich in jene Zeit zurückversetzen. Weiße Wäsche auf der Leine vor einem bleigrauen Himmel. Kinder mit schmutzigen Gesichtern, die mit selbst gebastelten Puppen spielten, und dazu als Kontrastprogramm eine mondäne Dior-Modenschau in der Villa Hügel oder Fleischtheken, die vom üppigen Angebot fast überquollen.

Meine Großeltern konnten die neue Zeit besonders genießen, schließlich waren sie schon im Ruhestand. Mein Großvater hatte als Bergmann gearbeitet, meine Großmutter war gelernte Köchin und hatte nach dem Krieg öfters für jeweils drei bis vier Monate in Holland gearbeitet, während mein Großvater zu Hause blieb. In Holland war die Inflation deutlich niedriger als in Deutschland, so konnte sie mehr Geld nach Hause schicken. Ihre Leidenschaft zum Kochen lebte sie auch im Ruhestand aus. Keiner konnte so gut Tomatensuppe aus der Ernte aus dem eigenen Garten kochen wie sie, und ich bedauere es bis heute, dass ich sie niemals nach ihrem Rezept gefragt habe. Ein Teil des Geheimnisses waren wohl eine Prise Zucker und etwas Kerbel – aber das kann nicht alles gewesen sein.

In unserem Garten wuchsen Unmengen an Früchten: saftige Brombeeren, zuckersüße Erdbeeren, tiefdunkle schwarze Johannisbeeren, aromatische Sauerkirschen und Blaubeeren, die noch richtig nach Blaubeeren schmeckten. Zur Erntezeit durfte ich meinem Großvater immer im Garten helfen. Klar, dass dabei auch jede Menge der köstlichen Früchte in meinem Mund landeten. Die Spezialität meiner Großmutter war es, aus diesen Früchten Obstwein zu machen.

Der zweitschönste Ort im Haus war – neben dem Bett meiner Großeltern – der Keller. Während andere Kinder sich vor dunklen Kellern fürchteten, ging ich für mein Leben gern dort hinunter. Denn hier standen nicht nur riesige Mengen Gläser mit leckerer selbst gemachter Marmelade und süßsauren Gurken, von denen ich auch immer naschte, sondern hier gluckerten auch die gärenden Obstweine in großen Glasballons lustig vor sich hin. Und da meine Großeltern in der Hinsicht relativ unaufgeregt waren, durfte ich, wenn Besuch kam, schon als Kind immer ein Schlückchen mittrinken. Der Schwarze-Johannisbeer-Wein war mein erklärter Favorit. Ich leckte mein winziges Schnapsglas immer bis zum allerletzten Rest aus.

 

Meine Großeltern besaßen keine Reichtümer, trotzdem musste ich bei ihnen nie darben. Obst und Gemüse kamen aus dem eigenen Garten, und beim Fleisch legte meine Großmutter großen Wert auf Qualität. Sie ging nur zu einem bestimmten Metzger im Ort und suchte sich das Stück, das sie haben wollte, immer sehr sorgfältig aus. Das waren oft lange Einkäufe, nicht unbedingt zur Freude des Metzgers.

Diese Einstellung, sich beim Essen nicht mit dem Erstbesten zufriedenzugeben, habe ich wohl von ihr geerbt. Ich fahre für meinen Lieblingskäse auch lieber durch die halbe Stadt zu einem ganz bestimmten Laden, als zum Supermarkt um die Ecke zu gehen. Diesen Käse esse ich dann allerdings auch mit ganz besonderem Genuss.

Meine Eltern haben die ersten anderthalb Jahre mit mir im Haus meiner Großeltern gelebt und sind dann nach Grafenwald, ein sechs Kilometer entferntes Dorf, gezogen. Ich durfte bis zur Einschulung in meinem kleinen Paradies bleiben – was für mich ein großes Glück war. Meine Mutter kam zwei- bis dreimal pro Woche mit dem Fahrrad zu Besuch. Ich erinnere mich, dass ich mich weder übermäßig freute, wenn sie ankam, noch besonders traurig war, wenn sie wieder abfuhr.

Statt mich täglich in einem Kindergarten abzuliefern, zeigte mir mein Großvater lieber die Welt. Ausgestattet mit belegten Broten von meiner Großmutter, Apfelsaft für mich und dem obligatorischen Flachmann für meinen Großvater, zogen wir frühmorgens zu zweit los. Ich lief an der Hand meines Großvaters wie eine kleine Dame, wir trafen viele ältere Herren, erzählten, tranken Kaffee,...

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