Wie möchte ich alt werden? - Erfrischende Perspektiven für die reifen Jahre

Wie möchte ich alt werden? - Erfrischende Perspektiven für die reifen Jahre

von: Gerhard Schnitter

SCM Hänssler im SCM-Verlag, 2020

ISBN: 9783775174817

Sprache: Deutsch

160 Seiten, Download: 1539 KB

 
Format:  EPUB

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Wie möchte ich alt werden? - Erfrischende Perspektiven für die reifen Jahre



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2. ICH MÖCHTE VERSÖHNT LEBEN


Es war ein schöner Ostermorgen. Ich ging auf dem Weg zum Gottesdienst über den Friedhof zur Kirche. Neben mir lief eine Frau aus dem Ort. Wir begrüßten uns und ich sagte mit einem Blick auf die Gräber: »Das wird einmal spannend, wenn Jesus wiederkommt und die Toten hier aus den Gräbern herauskommen.« Die Frau erschrak und meinte: »Oh, da unten liegen Leute, die möchte ich nie wieder sehen.«

Wir waren an der Kirchentür bei einer Gruppe anderer Gottesdienstbesucher angekommen und konnten nicht mehr weiterreden. Aber das kurze Gespräch machte mich nachdenklich.

Wie wird es einmal sein, wenn ich Menschen, die ein Teil meines Lebens waren, in der Ewigkeit begegne. Bin ich mit ihnen versöhnt? Freue ich mich auf sie oder ist mir der Gedanke unangenehm, dort jemanden wieder zu treffen, mit dem ich hier »nicht so gut konnte«? Und dann drängte sich gleich die nächste Frage auf: Lebe ich jetzt im Frieden mit anderen Menschen? Mir fallen Situationen ein, wo mein Umgang mit anderen nicht gut war. Mit einigen Leuten habe ich nicht in Harmonie gelebt, andere habe ich verletzt und manchen habe ich sogar Leid zugefügt. Wie soll ich mit diesem Unrecht umgehen? Muss ich es als Bürde bis zum Ende meiner Tage mit mir herumschleppen? Und umgekehrt gibt es auch Menschen, die an mir schuldig wurden. Wie soll ich mich ihnen gegenüber verhalten? Muss ich ihnen ihr Fehlverhalten nachtragen und mich dadurch belasten? – Sowohl das von mir begangene als auch das erlittene Unrecht ist bedrückend. Wie kann ich dafür eine Lösung finden?

Bei Gesprächen mit älteren Menschen bemerke ich, dass die meisten nicht gern über das reden wollen, was ihre Beziehung zu anderen belastet, am wenigsten dann, wenn sie selbst dafür verantwortlich sind. Sie schweigen und sie erwarten auch gar keine Veränderung mehr. Einen ersten Eindruck von diesem Problem bekam ich durch die Begegnung mit einem alten Ehepaar. Beide waren schwer krank und ihr Ende war absehbar. Und nun gerieten sie auf einmal in meinem Beisein in Streit. Was diesen Streit ausgelöst hat, weiß ich nicht mehr. Aber es kam heraus, dass er sich ständig unterlegen fühlte, weil sie ein dominierendes und offeneres Naturell hatte. Im Laufe ihrer Ehe haben sie aber nie darüber gesprochen. Ihr Verhältnis zueinander blieb in diesem Punkt ungeklärt. Ihre unguten Gefühle wurden »unter den Teppich gekehrt«. Und nun kamen sie plötzlich zur Sprache.

Eine andere Situation war ein jahrelanger und heftiger Familienkonflikt. Nachdem ich ein wenig Einblick in die Auseinandersetzungen bekam, versuchte ich vorsichtig zu vermitteln. Doch ich scheiterte, weil jede Seite sinngemäß sagte: »Was die anderen getan haben, ist viel schlimmer als unser Fehlverhalten. Die müssen den ersten Schritt machen.« – Wäre es nicht für die Seite mit der geringeren Schuld viel leichter, ihre Fehler zuzugeben, als für die andere Seite mit dem größeren Anteil an den Ursachen der Auseinandersetzung? So könnte zumindest eine menschliche Hilfe aussehen. Aber wirkliche Versöhnung ist eigentlich erst dann möglich, wenn unsere Schuld von Gott vergeben wird. Daraus wächst die Kraft für einen ersten Schritt.

Mancher Streit unter Familienmitgliedern beginnt, wenn es um die Verteilung eines Erbes geht. An diesem Punkt sind sogar christliche Familien gefährdet. Die einen sagen, man wolle nur, dass es gerecht zugeht. Die anderen behaupten, man denke nur an das Wohl der nächsten Generation. Wenn es dann auch noch zu juristischen Auseinandersetzungen kommt, verschieben sich vollends die Werte. Irdischer Besitz besetzt die Herzen. Eine über Achtzigjährige sagte mir dazu nur wenige Tage vor ihrem unerwarteten Tod ein weises Wort: »Hast du schon einmal einen Scheck in einem Sarg gesehen?« Sie wollte damit sagen, dass wir doch sowieso »nichts mitnehmen« können.

Warum können sich Menschen nur so schwer versöhnen? Dieses Problem betrifft nicht nur die Familien, sondern das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben, angefangen vom Streit der Kinder in den Kitas und Schulen über das Mobbing in der Arbeitswelt bis hinein in die Pflegeheime. Ärger über merkwürdige Kollegen, über unfähige oder parteiische Chefs oder über ungerechte Lehrer belasten junge und alte Menschen. Doch habe ich bei manchen »Streithähnen« auch den Verdacht, dass ihnen etwas fehlen würde, wenn sie sich nicht mehr über andere beklagen könnten oder wenn sie niemanden mehr zum Streiten hätten. Sich zu ereifern, scheint ihnen geradezu Spaß zu machen. Wollen sie damit vielleicht ihre Selbstwertgefühle aufbessern? Aber wer die eigenen Verletzungen pflegt und gleichzeitig anderen ihre Schuld und Versäumnisse nachträgt, braucht dafür viel Kraft. Das Bonmot des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer ist völlig richtig: »Wer sich ärgert, büßt die Sünden anderer Leute.«

Ärger oder schlechtes Gewissen lassen sich nicht so einfach beiseiteschieben. Die Hoffnung, dass irgendwann einmal »Gras darüber wächst« oder dass »die Zeit die Wunden heilt«, ist trügerisch. Verletzungen erzeugen Wunden. Wenn solche Wunden nicht behandelt werden, infizieren sie sich. Infizierte Lebenswunden dürfen, so wie andere Wunden auch, nicht einfach mit einem Trostpflaster überklebt werden. Denn überklebte Wunden heilen nicht, sondern sie vereitern. Dann können sie den ganzen Organismus lebensbedrohlich vergiften.

Welche Antwort hat die Bibel auf dieses Problem? Zunächst berichtet sie offen und schonungslos vom schuldhaften Verhalten der Menschen. Sie weist auch auf die dadurch verursachten Verletzungen hin, die oft noch mehrere Folgegenerationen belastet haben. Sünde wird in der Bibel nicht mit einem »Schwamm drüber« weggewischt, sondern der furchtbare Mechanismus von Verbitterung und wieder neuer Schuld wird aufgedeckt. Gleich im dritten Kapitel geht es los mit dem Bericht vom Sündenfall. Wenige Abschnitte später sind es sogar die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, die jeweils durch Unehrlichkeiten, Erziehungsfehler, Streit und ungerechte Maßnahmen schuldig wurden. Sie haben dadurch viele ihrer Nachfahren mit in den Strudel der Unversöhnlichkeit hineinzogen.

Aber die Bibel analysiert nicht nur die Misere. Sie erstellt nicht nur traurige Bestandsaufnahmen. Vielmehr kennt und zeigt sie das Geheimnis zur Heilung aller Wunden. In ihr wird das Unvorstellbare angeboten: Wunden können wieder heilen. Aber wie? Im Alten Testament beschreibt der Prophet Jesaja in Kapitel 53 den Leidensweg, den der »Knecht Gottes« wie ein Lamm gehen musste. Die erschütternde Klage des Propheten endet mit dem wunderbaren Trost: Durch seine Wunden sind wir geheilt. Damit weist er schon Jahrhunderte vor dem Ereignis darauf hin, dass Jesus, der Sohn Gottes, am Kreuz für die Sünden und Wunden aller Menschen gestorben ist. Das ist geheimnisvoll und paradox zugleich. Seine Wunden heilen unsere Wunden. Im Lied »Jesus Christus herrscht als König« von Friedrich Hiller (1699–1769) geht es um dieses Geheimnis. Strophe sieben klingt wie die Einladung zu einen Arztbesuch:

Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen,
klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen,
sagt, ihr Armen, ihm die Not.
Wunden müssen Wunden heilen,
Heilsöl weiß er auszuteilen,
Reichtum schenkt er nach dem Tod.3

Das Schlüsselwort zur Heilung und zur Aussöhnung mit anderen heißt Vergebung. Wenn ich vergebe, wird mich das, was andere mir angetan haben, nicht mehr belasten. Das betrifft auch den Groll gegen Menschen, die schon verstorben sind. Darum habe ich vor einiger Zeit zusammen mit einem Seelsorger meinen schon verstorbenen »Schuldnern« im Gebet vergeben. Wir beten es ja auch im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (Matthäus 6,12). Anderen zu vergeben, ist eine Entscheidung: Will ich ihnen wirklich das Unrecht und ihr verletzendes Verhalten vergeben? Diese Entscheidung ist nicht leicht, aber sie befreit. Meine Frau hatte sich einmal diesen Satz notiert: »Nachtragen ist eine Last, die Gott uns nicht auferlegt hat.« Eine biblische Begründung dafür, dass ich auch denen vergeben darf, mit denen ich nicht mehr sprechen kann, sehe ich in Matthäus 18,18, wo Jesus sagt: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. – Die Menschen, an denen ich schuldig wurde, kann ich um Vergebung bitten. Auch das ist keine leichte Entscheidung, denn sie rüttelt an meinem Stolz. Aber es ist der erste Schritt zu neuer Freiheit und zur Freude.

Wenn ich aber meine Schuld vor Gott verschweige, werde ich sie auch nicht los. Und umgekehrt: solange ich anderen ihr Fehlverhalten nachtrage, bleibe ich selbst daran gebunden. Nur durch Vergebung kann ich versöhnt werden. Dann kann ich »mit leichtem Gepäck« alt werden. Die bereits erwähnte Corrie ten Boom wollte diese Tatsache noch einmal verdeutlichen und ergänzte den Zuspruch: … er wird alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen (Micha 7,19) mit dem humorvollen und doch wichtigen Hinweis, dass dort ein Schild angebracht sei mit der Aufschrift »Angeln verboten«.

(Refrain) Gott, schaffe in mir,
schaffe in mir ein reines Herz,

und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

Gott, schaffe in mir, schaffe in mir ein reines Herz.

Verwirf mich nicht, o Herr, von deinem Angesicht.

1. Gott, sei mir gnädig nach deiner großen Güte.

Vergib mir meine Sünde nach deiner Barmherzigkeit.

2. Du, der Gerechte, vor dir hab ich gesündigt

und dein Gebot missachtet, das du uns...

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