Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte - Roman

Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte - Roman

 

 

 

von: Leena Parkkinen

Limes, 2014

ISBN: 9783641143299

Sprache: Deutsch

384 Seiten, Download: 1186 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte - Roman



Karen war die ganze Nacht gefahren. Sie schaute in den Rückspiegel. Ich bin auf der Flucht, dachte sie. Graue Augen erwiderten ihren Blick, und um die Augen herum lag ein dichtes Faltennetz. In ein solches Gespinst hatte das Alter allmählich ihren ganzen Körper gehüllt. Für einen Moment hätte sie am liebsten laut geschrien, doch stattdessen prüfte sie, ob das Tuch immer noch ihren Hals richtig bedeckte. Sie wollte keinen Zug abbekommen. Der Wagen war wirklich nicht mehr in dem Zustand wie früher. Die Fenster waren undicht. Karen hielt Ausschau nach einer Tankstelle. Eine mit Selbstbedienung. Dort hingen zumeist schlechte Überwachungskameras. Für den Fall, dass Erik die Polizei alarmiert hatte. An einer normalen Tankstelle fiele ihr Auto zu sehr auf. Wo immer der Plymouth Fury auftauchte, würde man sich daran erinnern – genau wie an eine schöne Frau. Nur dass der Plymouth verlässlicher war, fügte Karen im Stillen hinzu. Laut aussprechen würde sie diesen Gedanken niemals. Männer verfügten in dieser Welt ohnehin schon über genug Waffen.

Die kahlen, vom Winter entlaubten Bäume zerteilten die Landschaft, der Himmel kündigte Regen an. Die Autobahn lag leer vor ihr. Vielleicht war es der Frühling, der sie so durcheinandergebracht hatte. Vielleicht erging es allen alten Leuten so, wenn die ersten Krokusse durchbrachen, wer weiß. Sie wunderte sich jeden Morgen beim Anblick ihrer Hände: die langen, schmalen Finger, die Leberflecke auf den Handrücken, die blauen Adern und die brüchigen, rot lackierten Nägel. In ihrer Vorstellung hatte sie immer noch die Hände eines Mädchens, glatt und makellos. Männer hatten, wenn sie ihre Hände hielten, stets gefragt, ob sie Klavier spiele. Als Antwort hatte sie für gewöhnlich nur gelächelt. In Wirklichkeit konnte sie eine Note nicht von einer Häkelnadel unterscheiden, aber die Frage hatte ihr geschmeichelt. Außerdem waren die Männer, die sie berührt hatten, selten an Musik oder ihrer Meinung zu Musik interessiert gewesen.

Sebastian war eine Ausnahme gewesen, in allem.

Erik. Wie konnte es sein, dass der Junge seinem farblosen Vater immer ähnlicher wurde! Von ihnen, von Karen und Sebastian Valter und von ihrer schönen Mutter, die dafür bekannt gewesen war, dass sie nicht einmal im November die Ziegenlederhandschuhe gegen Fäustlinge tauschte, hatte er rein gar nichts geerbt. Erik würde Angst bekommen, dachte Karen. Seit seiner Kindheit machte sich der Junge ständig um irgendetwas Sorgen. Einmal hatte er wissen wollen, ob Frösche eine Mutter haben und ob diese denn Sehnsucht nach dem Froschlaich empfinden, den er zuvor am Bachufer eingesammelt hatte. So wie Eriks Mutter Sehnsucht nach Erik habe. Vielleicht brächte er gerade am Straßenrand Plakate an. VERSCHWUNDEN, wäre darauf zu lesen. 83-JÄHRIGE FRAU. UNTERWEGS MIT EINEM HELLBLAUEN PLYMOUTH FURY, BAUJAHR 1956. FÜR HINWEISE IST EINE BELOHNUNG AUSGESETZT.

Der Junge konnte es sich leisten, eine anständige Belohnung zu zahlen. Er hatte schließlich nur eine Mutter. Da gehörte es sich nicht, knausrig zu sein. Welches Foto würde er wohl auswählen?, überlegte Karen. Hoffentlich nicht das schreckliche aus dem letzten Winter. Auf dem sah sie an der Kamera vorbei und trug diesen schauderhaften Oma-Morgenmantel aus Baumwolltrikot, den ihre Schwiegertochter ihr geschenkt hatte. (»Der hält warm!«) Das gewellte Haar fiel ihr über die Ohren, die Augenbrauen waren dünn gezupft, der immer schmaler gewordene Mund verlieh ihr eine gewisse Strenge. Sie sah auf dem Foto alt aus. Geschmack hatte ihre Schwiegertochter noch nie besessen. Erik allerdings auch nicht. Da kam er ganz nach seinem Vater. Der Mann war so langweilig gewesen, dass Karen es nur acht Jahre mit ihm ausgehalten hatte, und das auch nur, um ihre Schwiegermutter zu ärgern. Doch selbst wenn eine Ehe darauf beruhte, die Schwiegermutter in Schach zu halten, konnte sie nicht ewig halten, wenn der Mann Tag für Tag gebügelte Unterhosen wünschte.

Die Tankanzeige blinkte bereits, als Karen von der Autobahn ab- und an die Zapfsäule fuhr. Eine Tankstelle mit Personal. Warum war es nur so schwer, einen Tankautomaten zu finden, obwohl sich doch ständig alle darüber aufregten, dass ohnehin immer weniger Service geboten wurde? Doch sie musste das Risiko eingehen. Der alte Wagen brauchte genauso viel Sprit wie eine ganze Kneipe. Es wäre vernünftiger gewesen, Eriks Auto zu nehmen. Der dunkelblaue Saab hätte höchstens bei einem Bestattungsunternehmer Neugier geweckt.

An der Tankstelle stand kein einziges Auto. Drinnen hinter dem Tresen starrte ein junger Mann auf einen Fernseher und zupfte an seinem spärlichen Schnurrbart. Karen tankte, ging hinein und zog das verrutschte Tuch wieder über ihr Haar. Sie war doch nicht der einzige Kunde. Ein stämmiger Mann stand in der Ecke vor einem einarmigen Banditen. Schwarze Jeans, eine ausgewaschene schwarze Kapuzenjacke – wieder einer, der zu viele schlechte Filme gesehen hatte und glaubte, dass er mit seinesgleichen Schwierigkeiten bekäme, wenn er mal eine ordentlich gebügelte Hose anzöge. Karen bezahlte in bar. Kreditkarten traute sie nicht. Hinter ihr öffnete sich die Tür mit einem Klingeln, doch Karen wandte sich nicht um. Anscheinend waren zu jeder beliebigen Tageszeit Leute unterwegs. Sie faltete das Wechselgeld zusammen und wollte es gerade in ihr Portemonnaie stecken, als plötzlich jemand sie in den Rücken stieß.

»Geld auf den Tresen und Hände auf den Tisch, sodass ich se sehe!«

Karen drehte sich um und blickte direkt in die Mündung einer Waffe. Dahinter stand eine Frau mit einer Pinguinmaske auf dem Kopf. Sie trug schwarze Winterstiefel und einen viel zu dünnen Mantel, der vorn offen war und einen kugelrunden Bauch enthüllte. Schwanger, und das ziemlich weit, erkannte Karen und stellte überrascht fest, dass sie nicht die geringste Angst hatte. So fühlt es sich also an, dachte sie, wenn man in Gefahr ist. Es war lange her, dass sie echte Angst empfunden hatte. Im Alter hörte man auf, sich zu fürchten. Karen hatte schon mit achtzehn gelernt, dass der Tod ein unzuverlässiger Gefährte war. Und sich jederzeit einstellen konnte.

»Du auch, Oma«, blaffte die Frau mit der Maske. »Her mit dem Geldbeutel!«

Hinter ihnen röchelte der Verkäufer mit dem Jünglingsbart. Der Mann in der Kapuzenjacke drückte ihm gerade die Kehle zu.

»Er hat versucht, den Alarmknopf zu drücken.«

Die Frau wischte sich mit der freien Hand den Schweiß vom Hals. Der Mann in der Kapuzenjacke fesselte die Handgelenke des Jünglings mit einem Kabelbinder, stieß ihn zu Boden und griff dann in die Kasse.

»Du hast dir vielleicht Zeit gelassen! Ich hatte fast keine Münzen für den Spielautomaten mehr«, sagte der Mann und blätterte die Geldscheine durch. »Nur ein paar hundert …«

»Die Kupplung ist kaputtgegangen.«

»Das kommt davon, wie du fährst.« Der Mann nahm Karen das Portemonnaie aus der Hand und steckte seine dicken Finger hinein. Karen spürte, wie sich ihre Nackenmuskeln anspannten.

»Oho, drei, vier, fünf … Oma hat wohl gerade Rente gekriegt!«

Die Pinguinmaske warf Karen einen kurzen Blick zu, und Karen schaute ihr direkt in die Augen. Die Hände der Pinguinfrau hatten jung ausgesehen. Die kurzen Nägel waren zweifarbig lackiert, schwarz und pink, immer abwechselnd, genau wie eine Klaviertastatur. Sie hatte eine dunkle Hautfarbe.

Sie ist nicht von hier, dachte Karen. Und sie hat Angst. Sie ist eine Auswärtige, eine Fremde, und auf der Hut – wie ein Kätzchen im Straßengraben. Bereit, jedem zu gefallen, und andererseits vollkommen unberechenbar. Ich war einmal genauso. Damals, als ich gerade die Insel verlassen hatte.

»Das Auto ist eine Schrottkiste. Ich fahre, seit ich zwölf bin.«

»Na, dann besorgen wir dem Fräulein eben ein neues. Wie wär’s mit dem hellblauen da draußen? Der ist sogar vollgetankt.«

Nein!, protestierte Karen in Gedanken. Nicht mein Wagen! Ich bin nicht bereit, den Rest der Nacht hier auf der Tankstelle herumzustehen, auf die Polizei zu warten und Fragen zu beantworten. Ich bin nicht bereit, zu Hause besorgt empfangen zu werden und mir besänftigende Phrasen anzuhören. »Damit Oma keine Angst mehr hat.« Nein, ihr seid gar nicht imstande, mir Angst einzujagen, versteht ihr? Ich habe einen Knoten im Bauch, der den Ärzten Sorgen macht, ich habe eine Schwiegertochter, die ihre Beine mit Laser enthaaren lässt, und meine Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, habe ich bereits verloren, als mein Bruder im Krieg unter Leichen begraben wurde und meine beste Freundin mit Würgemalen am Hals in der Bucht Naavalahti angespült wurde und alle, die ich kannte, auf einmal anfingen, nur noch im Flüsterton mit mir zu sprechen.

Die Fähigkeit, verletzt zu werden, besitze ich nicht mehr, seit ich meinen ersten Mann dabei erwischte, wie er auf gestapelten Formularen lag und nur mehr Socken am Leib trug. Der eine Strumpf hatte auch noch ein Loch, aber das schien dieses dicke Laufmädchen aus seiner Firma nicht zu stören.

Und vor allem: Ich habe für all das keine Zeit.

Karen trat einen Schritt nach vorn. Die Frau kam auf sie zu und stieß ihr die Pistole in den Bauch. »Wo willst du hin?«

»Das ist mein Auto«, fauchte Karen und versetzte ihr einen Tritt. Die Frau fiel auf den Rücken. Der Mann stürzte auf Karen zu und griff nach der Waffe.

»Hä? Das ist ja eine Wasserpistole!« Er starrte seine Komplizin ungläubig an.

»Ich mag es nicht, wenn es laut knallt«, ächzte die Frau auf dem Fußboden und hielt sich den Bauch. »Du, ich glaube, es kommt...

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